Manova: 26-06-2026,
Wir leben in Zeiten verdichteter Geschichte. Die Frage danach, was Geschichte ist, wer sie bestimmt und wie wir mit ihr intelligent umgehen, ist noch brisanter geworden. Das Selbstverständnis Europas als eines nun ehemaligen Taktgebers der „Weltgeschichte“ beispielsweise bedarf der Revision. Deutschland muss sich neu erfinden. Viele leisten hier Beiträge auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Der Philosoph Jochen Kirchhoff, in den vergangenen Jahren regelmäßig mit Beiträgen für Manova präsent, ist im Dezember 2025 in Berlin verstorben. 60 Jahre beharrliche philosophische Arbeit hatte er in die Waagschale des Lebens geworfen. Posthum ist nun ein Werk von ihm erschienen, das sich einer Revision der von Europa ausgegangenen modernen Naturwissenschaften widmet. Diese verstand er nicht nur als Sammlung von mehr oder minder gesicherten Erkenntnissen, sondern in erster Linie als Ausdruck einer materialistischen Auffassung vom Weltganzen. Die naturwissenschaftliche Denkform hat die Kulturen der Welt geprägt wie kaum eine andere. Ihre Technik, ihr Menschenbild und ihr Verhältnis zum Kosmos bilden einen permanenten Subtext zum Alltag von Milliarden Menschen — unabhängig von deren sonstigen religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen. Kirchhoffs „Anti-Geschichte der Physik“ macht Mut, die Grenzen des Messbaren nicht zu den Grenzen des eigenen Verstandes zu erheben.