Kai Ehlers: 07-07-2024,

Eine Losung geistert zurzeit um die Welt: „multipolar“. Liegt in dieser Formel ein „Sesam öffne Dich“ für den Weg zu einer friedlichen Lösung der gegenwärtigen Weltkrise? Öffnet sich mit ihr die Tür in eine friedliche, kooperative Zukunft gleichberechtigter Partnerschaften zwischen unterschiedlichen Mächten und Kulturen oder beschleunigt sie nur das drohende Chaos der niedergehenden „unipolaren“ amerikanischen Hegemonie? Erweist sich die Losung vielleicht auch nur als leere Formel, die erst mit Inhalt gefüllt werden muss?

Antworten auf diese Fragen können nur mit einer illusionslosen Bestandsaufnahme zum Charakter der gegenwärtigen globalen Krise beginnen. Da wäre zunächst zu konstatieren: Was gegenwärtig auf eine Lösung zutreibt, ist nicht mehr und nicht weniger als die sich beschleunigende Transformation des von den USA heute dominierten globalen kolonialen Kapitalismus, der im Zuge erweiterter Konkurrenz vor unseren Augen in seine nachkoloniale Phase der Instabilität übergeht.

Das klingt nach einfacher Steigerung der letzten großen Krisen. Der Prozess unterscheidet sich jedoch von den historischen Stufen der Entkolonialisierung, die zum ersten und dann zum zweiten Weltkrieg führten, in einem grundsätzlichen Punkt: Konnte die mit der wachsenden Konkurrenz  auftretende Überproduktionskrise des vorigen Jahrhunderts durch den ersten und dann noch einmal durch den zweiten Weltkrieg „gelöst“ und in neues „Wachstum“ verwandelt werden, so verbietet sich eine solche „Marktbereinigung“ heute wie schon zu Zeiten des sog. Kalten Krieges mit der Existenz der atomaren – und nicht zu vergessen auch biologischen Kriegsausrüstung der heute an dem Konflikt beteiligten Staaten.  Das gilt umso mehr angesichts der Regellosigkeit der von den USA unter Umgehung der UNO ausgerufenen „regelbasierten Ordnung“,

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