Nachdenk Seiten: 12-08-2026,
Die Gesetzliche Lohnuntergrenze wird gemäß einer DGB-Auswertung systematisch unterlaufen, und der Gesamtschaden in zehn Jahren beläuft sich auf 64 Milliarden Euro. Über ein Kontrollsystem, das zum Betrug einlädt, und eine Bundesregierung, die Arme noch ärmer und Reiche noch reicher macht. Von Ralf Wurzbacher.
Es gibt da diesen Irrglauben unter konservativen Politikern und Vertretern der Wirtschaft, wonach der gesetzliche Mindestlohn eine Wohltat sei. Von wegen: Den einfachen arbeitenden Menschen wird mehr gegeben, als eigentlich nötig wäre, damit sie es besser haben, als es ihnen angesichts ihres Leistungspotenzials eigentlich zusteht – ein bisschen Caritas à la Kapitalismus eben. Das ist in doppelter Hinsicht Quatsch. Denn erstens braucht es aus Sicht der Betroffenen eine Untergrenze bei der Bezahlung, damit sie lebens- beziehungsweise schlicht überlebensfähig bleiben und nicht physisch zerfallen. Und zweitens, eng damit verbunden, dient sie dem unternehmerischen Zweck, die Arbeitskraft des „unteren“ Teils der Bevölkerung zu erhalten.
Aus marxistischer Sicht ist der Mindestlohn dann auch kein Geschenk des Kapitals, sondern ein Mittel, um die Reproduktion der Arbeiterklasse zu gewährleisten. Damit die Werktätigen weiterhin kräftig malochen können, um den Reichtum ihrer Ausbeuter zu mehren. Würde man sie stattdessen auf breiter Front mit Hungerlöhnen ins Elend stürzen, fielen sie nicht nur als Produzenten, sondern auch als Konsumenten der Waren und Dienstleistungen aus, mit deren Verkauf die Kapitalisten ihre Profite erwirtschaften. Insofern ist der Mindestlohn ein Arrangement, von dem beide Seiten etwas haben und das hilft, das System und die gesellschaftliche Ordnung zu stabilisieren, indem extreme soziale Krisen und mögliche Massenaufstände verhindert werden.